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Churchill September 2016

Churchill September 2016 – Abenteuer mit Canadian Eskimo Dogs & Eisbären

Als ich morgens um 06:30 Uhr am Flughafen in Winnipeg saß, wusste ich noch nicht, was mich während der nächsten Tage erwarten würde. Eine Vorahnung hatte ich jedoch – es würde nicht langweilig werden! Im kleinen, ca. 800 Einwohner zählenden, Churchill am Ufer der Hudson Bay im Norden Manitobas, am Tor zur kanadischen Arktis, lebt Brian Ladoon mit rund 80 Canadian Eskimo Dogs. Und mit Eisbären. Es gibt eine TV-Serie und einen Film über ihn und seinen spannenden Alltag. Ich würde nun eine gute Woche an seiner Seite arbeiten und mit Sicherheit viel lernen. Vor allem über diese besonderen Hunde, aber auch über das Leben in einer anderen Welt, gefühlt am Ende der Welt.

Im März war ich schon einmal in Churchill, auf einer Stippvisite auf dem Weg zu einem Fotoprojekt, bei dem es um Eisbären und Polarlichter ging. Praktisch nebenbei hatte ich die Canadian Eskimo Dogs kennen gelernt. Ich war mehr als überrascht, dass ich als großer Schlittenhundefan noch nie etwas von dieser Hunderasse gehört hatte. Da musste ich mehr erfahren. Ich fragte Brian, ob ich ihm am nächsten Tag beim Hundefüttern helfen könnte und er nahm das Angebot gerne an. Gesagt, getan. Es war ein herrlicher, klarer Wintermorgen, blauer Himmel, -25°C, leichter Wind, als ich auf der Ladefläche eines Pickup Truck sitzend, gefrorene Fleischbrocken zu den Hunden warf, die sich sofort gierig darüber her machten. 80 Hunde, 80 Fleischbrocken und schön aufpassen, dass auch wirklich jeder ein Stück bekommt während Brian den Truck über das Gelände fuhr. Da wurde mir selbst bei den arktischen Temperaturen schnell warm. Auf dem Rückweg in die Stadt erzählte mir Brian dann noch ein bißchen von seinem Leben mit den Hunden. Ich wurde immer neugieriger.

Mile 5 in Churchill im März

Zurück in Deutschland schaute ich mir, noch bevor ich meinen Koffer auspackte, die DVD an, die ich in Churchill gekauft hatte. „The last dogs of winter“ ist ein Film über Brian Ladoon und seine Hunde, der 2011 gedreht wurde und viele Informationen über die tragische Geschichte der Canadian Eskimo Dogs liefert. Es war um mich geschehen! Das Thema ließ mich auch in den nächsten Wochen nicht mehr los, also schrieb ich eine Email an Brian Ladoon und fragte ob ich noch einmal wieder kommen und mit ihm arbeiten dürfte.

5 Monate später fand ich mich selbst an dem winzigen Flughafen von Churchill wieder, wo Brian und seine Partnerin Penny mich herzlich empfingen, in Begleitung von der kleinen 14,5 Jahre alten West Highland Terrier Hündin Honey. Bevor wir den Flughafen verlassen konnten, musste Brian ein paar Fotos mit Touristen machen, denn – was ich nicht wusste – er war in der kanadischen TV-Serie „Polar Bear Town“ bekannt geworden. Das sollte eine interessante Woche werden! Nachdem ich mein Zuhause für die nächsten Tage kennen gelernt und ein paar Einkäufe im Supermarkt getätigt hatte, fuhren wir raus zu Mile 5, wo die meisten der rund 80 Canadian Eskimo Dogs leben. Sie sind ein gutes Stück außerhalb der Stadt untergebracht, weil sie keine Eisbären in die Nähe der Menschen locken sollen. Diese halten sich nämlich gern in der Nähe der Hunde – und deren Futter – auf. Und tatsächlich, noch bevor wir das Tor zu dem Gelände passiert hatten, sahen wir einen Eisbären, mitten auf dem Weg zwischen den Hunden. Wer jetzt annimmt, die Hunde hätten Angst vor dem Bären, liegt falsch. Wenn sie Angst haben, lassen sie es sich jedenfalls nicht anmerken. Sie bellten und jaulten ihn wütend an und versuchten, ihn zu verscheuchen. Der Bär machte allerdings erst Anstalten, zu gehen als wir mit dem Auto näher kamen. Er war aber immer noch nah genug, so dass ich mein erstes Eisbären-Foto schießen konnte, nach 3 Stunden in Churchill!

Eisbär bei Mile 5 in Churchill, Manitoba

Als wir am nächsten Tag raus zu den Hunden fuhren, war der Bär wieder da. Allerdings regnete es den ganzen Tag so stark, dass wir das Auto nicht verließen und auch der Bär verzog sich bald in ein Gebüsch und suchte Schutz vor dem ungemütlichen Nass. Am nächsten Tag kamen wir mit einer Ladung voll Fleisch und nicht nur die Hunde waren aufgeregt voller Vorfreude, sondern auch „unser“ Bär erwartete uns bereits. Nachdem wir die ersten Fleischstücke an die Hunde verteilt hatten, kam er aus seinem Versteck. Weil das Fleisch schon aufgetaut und etwas nass geworden war, gestaltete sich die Fütterung als ziemliche Sauerei und ich war selbst von Kopf bis Fuß mit Fleisch bekleckert als ich mit einer vollen Futter-Schaufel von Hund zu Hund ging. So fühlte ich mich selbst als feiner Mittagssnack für einen Eisbären und mein Herz machte einen ordentlichen Satz, als dieser plötzlich auf uns zukam. Zum Glück war er mehr an dem Fleisch interessiert, das die Hunde fraßen und klaute sich ein Stück hier und da. Während er zufrieden sein Mittagessen genoss, konnte ich die übrigen Hunde füttern. Dabei gingen alle Bewegungen jetzt ein bißchen schneller als zuvor und ich hatte die ganze Zeit ein Auge auf den Bären. Ebenso ließ natürlich Brian unseren Besucher nicht aus den Augen und hielt vorsichtshalber ein Gewehr mit Schreckschusspatrone bereit. Für ihn war das ein ganz normaler Arbeitstag, aber für mich, die normalerweise 8 Stunden täglich an einem Schreibtisch vor dem Computerbildschirm sitzt, war es das nicht. Ich war so froh, dass ich hier war und dieses Abenteuer erlebte!

Selfie mit Brian Ladoon

Mittlerweile war Brian sich sicher, dass er den Bären kannte. Es war ein 7 – 8 Jahre alter, mittelgroßer, männlicher Bär, der sich bereits in den vergangenen Jahren bei Mile 5 aufgehalten hatte. Die Bären kommen jeden Herbst vom Inland an die Küste, um sobald die Hudson Bay gefroren ist, auf das Eis zu gehen, wo sie den Winter auf Robbenjagd verbringen. Unser Bär kannte also bereits die Routine und solange er weder Menschen noch Hunden etwas tun würde, dürfte er bleiben. Hier würde er einen sicheren Platz haben, im Gegensatz zu den Bären die zu nah an die Stadt kommen und von den Menschen ins Bärengefängnis gesteckt werden, wo sie 30 Tage oder die Zeit bis sie auf das Eis können, verbringen müssen.

Eisbär in Churchill im September

Der nächste Tag verwöhnte uns mit herrlichem Wetter. Sonne, blauer Himmel, +15 °C, es fühlte sich wie Sommer an. Die Hunde waren vom Vortag satt und zufrieden, sie wissen, dass es nur alle zwei Tage Futter gibt. Auch der Bär schien es sich an einem schönen Platz bequem gemacht zu haben, denn er ließ sich nicht blicken. Doch am darauf folgenden Tage wussten alle Vierbeiner, dass wir wieder mit einer Ladung voller Fleisch kommen würden. Die Hunde waren aufgeregt und der Bär brauchte nicht lange, ehe er aus seinem Versteck kam. Zuerst beobachtete er uns aus einiger Distanz, doch dann kam er näher und klaute ein paar Fleischbrocken von den Hunden, die versuchten, ihr Futter lautstark zu verteidigen. Der Bär bekam dennoch, was er wollte und die Hunde würden später von uns ein neues Stück Fleisch bekommen. So war am Ende jeder satt und zufrieden.

Dies ist ein Canadian Eskimo Dog bei Mile 5 in Churchill, Manitoba

Die Zeit verging wie im Flug, jeder Tag in Churchill war ein Abenteuer. Abends ging es spektakulär weiter, an einem Tag erzählten mir Bekannte, dass die Nordlichtvorhersage eine 6 auf der Skala von 1 – 10 sei. Das versprach sehr intensive Nordlichter. Sobald es dunkel wurde, stand ich mit meiner Kamera bereit und wurde nicht enttäuscht. Das Nordlicht war überall, tanzte und waberte über der ganzen Stadt und über der Hudson Bay. Was für eine Show! Auch an den beiden folgenden Abenden leuchtete die Aurora Borealis.

Nordlicht an der Hudson Bay, Churchill

Nach nur 8 Tagen in Churchill fühlte ich mich pudelwohl und schon etwas heimisch und ich wäre gerne länger geblieben. Ein ganzes Jahr wäre gut, dann könnte man die Natur im Wandel der Jahreszeiten sehen. Mehr Bären (und Touristen) im Herbst, massenhaft Schnee im Winter, tausende Zugvögel im Frühling und hunderte Belugawale im Sommer. Und natürlich die Canadian Eskimo Dogs, diese wundervollen Hunde wie sie inmitten der rauen und doch so schönen Natur leben. Ich habe viel gelernt, doch einige Fragen bleiben offen. Wie gefährlich leben die Hunde tatsächlich, ungeschützt vor Bären und Wölfen? Müssen sie so leben um ihr ursprüngliches Wesen zu behalten? Was passiert mit den Hunden, wenn Brian Ladoon sich nicht mehr um sie kümmern kann? Ich möchte gerne wieder kommen und noch mehr erfahren und erleben. Doch jetzt geht es erst einmal nach Hause, zurück ins Büro und ins normale Leben. Aber nicht ohne viele neue Eindrücke und Inspiration in meinem Gepäck.