winterdog

Der Ruf des Nordens

Während ich diese Zeilen schreibe, befinde ich mich in einem Flugzeug ziemlich genau 10.668 m über der gefrorenen Hudson Bay. Gebannt habe ich in der letzten halben Stunde abwechselnd auf den Flight Tracker und aus dem Fenster geschaut – und mit dem ständigen Aufblitzen des Bildschirms wahrscheinlich meine Sitznachbarin wahnsinnig gemacht – um noch einen letzten Blick auf den kleinen Ort Churchill zu erhaschen. Im Dunkeln konnte ich aber nur Eis, Mond und Sterne sehen. Mir kullerten ein paar Tränen. Die Sehnsucht nach dem Norden ist manchmal so überwältigend, dass ich mich wie zerrissen fühle. Es ist schwer zu beschreiben. Es geht nicht darum, dass ich gerne reise. Das tue ich natürlich, aber die Sehnsucht entsteht nicht aus reinem Fernweh. Die Kälte und wie die frische Luft riecht, der Schnee, der das Land unter eine helle, saubere Decke hüllt, die magischen Nordlichter im Winter und die hellen Nächte im Sommer. Das alles scheint mich magnetisch anzuziehen. Mir gefällt außerdem der Lebensstil – große Pickup Trucks, niedliche bunte Holzhäuser, Country Musik und Flanellhemden. Und dass die Menschen einfach entspannt sind. Sie sind klein im Vergleich zur Natur und wissen das. Sie nehmen sich einfach nicht so wichtig. Es gibt keinen Mediamarkt und keinen H&M. Keinen Konsum-Wahn. Es macht nichts wenn die Kleidung nicht dem Trend entspricht und künstliche Fingernägel wären hier mehr als Fehl am Platz. Man braucht auch nicht alle 6 Monate ein neues Smartphone, nur weil der beste Freund gerade ein neues hat. Das Klima ist extrem und ich denke, genau so wie die Tiere hier besonders robust sein müssen, so müssen es auch die Menschen sein. So findet man in kleinen Orten wie Churchill besondere Charaktere. Wie Brian Ladoon, der sein Leben der Erhaltung der Canadian Inuit Dogs widmet weil er das als seine von Gott gegebene Mission betrachtet. Das kann man nun bewundernswert oder verrückt finden oder beides zugleich. Egal, Freiheit ist das Zauberwort!
Bald bin ich zuhause, der Alltag wird wieder viel zu schnell Besitz von mir ergreifen. Aber ich nehme mir vor, mich nicht vollends vereinahmen zu lassen. Ich werde mich erinnern, zwischendurch mal kurz die Augen schließen in stressigen Momenten und dann werde ich Nordlichter tanzen sehen und Schlittenhunde heulen hören…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.